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Die ersten Schritte des digitalen Designprozesses entsprechen dem klassischen Prozess, welcher in Kapitel Methodik im Automobildesign beschrieben wurde: Das Projekthandbuch muss die Programmziele klar definieren sowie die Vorgaben des projektierten Modells zusammenfassen und im Package müssen die Daten genau festgelegt sein. Die eigentliche Designarbeit beginnt auch im digitalen Prozess mit Handskizzen. Für diese sehr kreative und intuitive Phase lässt sich bereits der Rechner einsetzen, doch die meisten Designer bevorzugen hier die klassische Methode. Die mit Bleistift oder Kugelschreiber skizzierten Ideen lassen sich jedoch meistens bereits nach wenigen Tagen mit einem zweidimensionalen Zeichensystem am Computer weiterentwickeln. [BrSe-03]

Es sei an dieser Stelle nur erwähnt, dass aus digitalisierten zweidimensionalen Skizzen mit Hilfe des Sketchmapping-Verfahrens schnell einfache dreidimensionale Modelle extrahiert werden können. Hierzu wird ein grobes CAx-Modell erstellt, auf das mindestens drei Designskizzen mit jeweils unterschiedlichen Perspektiven projiziert werden, so dass ein dreidimensionales Modell des Designentwurfs entsteht. Die Sketchmapping-Software ist von Designern anwendbar, das Ergebnis ist eine grobe, digitale Beschreibung der Gestalt des Designs. [Gess-01]

Im klassischen Designprozess würde es nach Abschluss der divergenten Phase zu einer Einengung der Designentwürfe kommen, gefolgt vom Tape-Drawing und der Tonmodellierung. Aufgrund der einheitlich verwendeten digitalen Daten sind diese Schritte im digitalen Designprozess in einer Phase verschmolzen, der sogenannten 3D-Modelling-Phase. Wann immer der Designer seinen Entwurf am Bildschirm verfeinert, fließt diese Änderung automatisch in den Datensatz ein, auf dessen Grundlage dann das Modell entsteht. Den Aufbau der ersten Proportions-Modelle im Computer kann der Designer im Digitalen Prozess nun selbst mit Hilfe von Modelling Software (siehe Kapitel Kommerzielle CAS-Softwareprodukte) durchführen. Ausgehend von den Hauptkonstruktionslinien gestaltet er dann die Flächen und erhält so sehr schnell einen Eindruck, welche Proportionen und Formen sich auf dem vorgegebenen Package erreichen lassen. Die Package-Daten sind jederzeit dreidimensional im Computer abrufbar, während sie im klassischen Design-Prozess nur zweidimensional auf dem Tape-Drawing erfasst sind. [BrSe-03]

Vor allem deshalb hat die 3D-Modelling-Phase erhebliche Vorteile gegenüber dem klassischen Design-Prozess: Im Tape-Drawing ist das Zusammenspiel der vier Ansichten manchmal schwer vorstellbar, während im digitalen Prozess nicht nur eine sehr plastische Darstellung des Modells im Computer, sondern auf Knopfdruck auch eine Ansicht aus allen Blickwinkeln möglich wird. Überzieht man dann noch im Computer die Flächen zwischen den Konstruktionslinien, lässt sich die Form noch besser und in verschiedenen Lichtsituationen beurteilen. Gleichzeitig arbeitet der Designer nicht nur mathematisch genau - alle Flächen passen konstruktiv zueinander - , sondern auch effizienter, weil er die Proportionen und Form seines Entwurfs (sowie die schnell und einfach zu bewältigenden Änderungen daran) ständig in einer dreidimensionalen Darstellung beurteilen kann. [BrSe-03]

Die im Rechner abgelegten 3D-Daten bewirken außerdem, dass die 1:1-Daten des jeweiligen Modellstandes jederzeit abrufbar und mit der CAD Software, beispielsweise CATIA, kompatibel sind. Gegenüber der Tape-Info lassen sich so Übertragungsfehler vermeiden und viel Zeit gewinnen. Gleiches gilt für das computergesteuerte Fräsen eines weit fortgeschrittenen Modells, das sich aufgrund der digitalen Daten in kürzester Zeit (etwa zwei Tage) bewältigen lässt. [BrSe-03]

Der Designer übergibt meist nach Aufbau des Computermodells die Arbeit an Digital-Modelleure, welche für den Aufbau der Flächen verantwortlich sind. Dabei sollte die Beurteilung des digitalen Modells so oft wie möglich und in einem möglichst großen Maßstab (bis hin zu 1:1-Projektionen) erfolgen. Denn obwohl einige Hilfsmittel, beispielsweise Umgebungssimulation, die Beurteilung eines digitalen Modells erleichtern, so müssen die Methoden der Design-Kritik beim digitalen Prozess auch erst erlernt und noch weiter entwickelt werden. Zwar kann der geübte Computerbenutzer aufgrund seiner Erfahrung sein Modell sicherlich leidlich gut einschätzen, aber jeder arbeitet alleine vor seinem Bildschirm, nicht mehr in Sichtkontakt mit dem Team. So wird der Einzelne vom ständigen Team-Feedback getrennt, das sonst einen großen Teil der Studioatmosphäre ausmacht. [BrSe-03]

Auch hat die visuelle Information, die man von einem Tonmodell erhält, eine ganz andere Qualität. Deshalb sollte man, zumindest bis die Design-Teams voll auf den digitalen Prozess trainiert und in ihrem Feedback darauf abgestimmt sind, jede Gelegenheit wahrnehmen, um das digitale Modell plastisch zu sehen. Dabei kann sogar das Tape-Drawing ein wichtiger Teil des digitalen Prozesses sein: Ein paar Krepplinien über einem 1:1-Plot (=Druck) von einem digitalen Modell können ganz neue Erkenntnisse bringen. In jedem Fall ist es sinnvoll, so bald wie möglich in die Realität zu gehen und zumindest einen kleinen Ausschnitt des Modells, zum Beispiel die Türflache, fräsen zu lassen. Gerade weil die Umsetzung von digitalen Daten in Fräs-Modelle so schnell geht, sollte man jede Chance nutzen, um die aktuelle Designentwicklung in der Realität zu überprüfen. [BrSe-03]

In Bild wird das Wechselspiel von virtuellem und realem Modelling deutlich. Innerhalb der iterativen Schleife wird das Design weiterentwickelt, wobei die Daten im Rechner die Grundlage bilden. Denn auch von Hand können Verbesserungen am Fräs-Modell ausgeführt werden; sie müssen dann aber digitalisiert zurück in das Computermodell fließen, analog dem Ablauf beim Tape-Drawing. Beim digitalen Designprozess erleichtert es die Arbeit jedoch ungemein, dass die Fräs- und Messmaschinen direkt mit den Rechnern verbunden sind, also die Daten der von Hand geänderten Flächen automatisch abgenommen und digital überspielt werden. Diese Schnittstelle zwischen Fräs- und Computermodell ist wichtig, sorgt sie doch dafür, dass die jeweils aktuelle Datenbasis für Machbarkeitsuntersuchungen (Feasibility) zur Verfügung steht. [BrSe-03]

Bild: (Semi-)digitaler Designprozess in Anlehnung an [BrSe-03]

Darüber hinaus kann man das Digitalmodell natürlich vielseitig einsetzen, beispielsweise für aerodynamische Untersuchungen, mit FEM-Ergänzungen für Crashsimulationen und Animationen. So gelingt die Designbeurteilung eines digitalen Modells auf dem Computerbildschirm wesentlich besser, wenn man eine Umgebung simuliert. Üblicherweise baut man dafür ein digitales Abbild des eigenen Design-Studios auf, um das Modell in einer Situation wie im klassischen Prozess beurteilen zu können. Typisch sind auch Straßenszenen, doch das digitale Modell auf dem Bildschirm kann auch in einem Parkhaus oder in jeder sonst gewünschten Umgebung fahren. Für das Management ist das zudem eine neue Entscheidungshilfe, und auch für das Interieur-Design ist es vorteilhaft, wenn man beispielsweise sehen kann, wie sich der Cupholder entfaltet oder wie sich die Rückbank beim Umklappen verhält. [BrSe-03]

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